Was ist die Freude des Evangeliums?

Evangelii Gaudium: Freude der Evangelisierung

20/10/2023

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Die Apostolische Exhortation „Evangelii Gaudium“ (Die Freude des Evangeliums) von Papst Franziskus, veröffentlicht am 24. November 2013 am Ende des Jahres des Glaubens, ist weit mehr als nur ein päpstliches Lehrschreiben; sie ist ein Manifest, eine tiefgreifende Einladung und ein programmatischer Leitfaden für das gesamte Pontifikat von Papst Franziskus. Gleich zu Beginn des Textes wird der Kern seiner Botschaft deutlich: „Die Freude des Evangeliums erfüllt das Herz und das gesamte Leben derer, die Jesus begegnen.“ Diese Aussage ist nicht nur eine Eröffnung, sondern eine grundlegende theologische und pastorale These. Sie postuliert, dass die Begegnung mit Christus nicht nur eine intellektuelle Erkenntnis oder eine moralische Verpflichtung ist, sondern eine Quelle unerschöpflicher Freude, die das gesamte Dasein durchdringt und transformiert. Diese Freude ist es, die die Kirche antreiben und ihre Mission in der heutigen Welt bestimmen soll. Das Schreiben, das sich unter anderem auf die Ergebnisse der Bischofssynode zur Neuevangelisierung von 2012 stützt, geht jedoch weit über eine reine post-synodale Reflexion hinaus. Es ist ein Ausdruck der persönlichen „Besorgnisse“ des Papstes, die ihn im Hinblick auf das Evangelisierungswerk der Kirche bewegen, und stellt gleichzeitig eine klare Absage an eine übermäßige Zentralisierung dar, indem er eine „heilsame Dezentralisierung“ fordert und die Grenzen des päpstlichen Lehramtes in Bezug auf alle Fragen anerkennt.

Was ist die Freude des Evangeliums?
Eine Zusammenfassung: „Die Freude des Evangeliumserfüllt das Herz und das gesamte Leben derer, die Jesus begegnen:“ So beginnt die Apostolische Exhortation „Evangelii Gaudium“, mit der Papst Franziskus das Thema der Verkündigung der Frohen Botschaft in der Welt von Heute entwickelt.
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Die Geburt von Evangelii Gaudium und ihre programmatische Bedeutung

Die Veröffentlichung von „Evangelii Gaudium“ am 24. November 2013 markierte einen entscheidenden Moment im Pontifikat von Papst Franziskus. Das Lehrschreiben erschien zum Abschluss des Jahres des Glaubens und knüpfte thematisch an die Bischofssynode zur Neuevangelisierung an, die im Oktober 2012 im Vatikan stattfand. Doch Franziskus betont ausdrücklich, dass es sich nicht um eine bloße „postsynodale“ Exhortation handelt, die sich ausschließlich auf die Synodenbeschlüsse beschränkt. Vielmehr ist es ein eigenständiger Text, der die persönlichen Anliegen und die Vision des Papstes für die Kirche der Gegenwart widerspiegelt. Er hat sich Rat geholt, aber seine eigenen „Besorgnisse“ fließen maßgeblich in das Schreiben ein. Diese programmatische Ausrichtung macht „Evangelii Gaudium“ zu einem Schlüsseltext, um das Verständnis für die Prioritäten und die Richtung seines Pontifikats zu vertiefen. Der Papst legt auch Wert darauf, die Grenzen seiner päpstlichen Autorität klar zu benennen. Er weist darauf hin, dass man vom Lehramt keine „endgültige oder vollständige Aussage zu allen Fragen“ erwarten könne und es nicht angebracht sei, die Ortsbischöfe in der Bewertung aller Probleme zu ersetzen. Dies ist ein Aufruf zu einer „heilsamen Dezentralisierung“, die die Autonomie und die Verantwortung der lokalen Kirchen stärken soll, um effektiver auf die spezifischen Bedürfnisse und Herausforderungen ihrer Regionen reagieren zu können.

Die Kernbotschaft: Eine Kirche in permanenter Mission

„In diesem Schreiben möchte ich mich an die Christgläubigen wenden, um sie zu einer neuen Etappe der Evangelisierung einzuladen, die von dieser Freude geprägt ist, und um Wege für den Lauf der Kirche in den kommenden Jahren aufzeigen.“ (Nr. 1) Mit diesen Worten richtet sich Papst Franziskus an alle Getauften und lädt sie ein, Teil eines „Zustandes permanenter Mission“ zu werden. Dies bedeutet, dass die Evangelisierung nicht als eine gelegentliche Aktivität, sondern als der fortwährende Herzschlag der Kirche verstanden werden muss. Die zentrale Aufgabe ist es, allen Menschen die Liebe Gottes zu bringen und die „individualistische Traurigkeit“ zu überwinden, die der Papst als eine große Gefahr der heutigen Welt identifiziert. Er beschreibt diese Traurigkeit als eine gefährliche Mischung aus Begehren, Oberflächlichkeit und innerer Abgeschottetheit, die die Menschen von echter Gemeinschaft und Sinnhaftigkeit entfremdet (Nr. 2). Um dieser Entfremdung entgegenzuwirken und die „ursprüngliche Frische der Frohen Botschaft“ neu zu erschließen, fordert Franziskus „neue Wege“ und „kreative Methoden“. Jesus soll aus den „langweiligen Schablonen“ befreit werden, in die wir ihn oft gepackt haben (Nr. 11). Dies erfordert einen „Weg einer pastoralen und missionarischen Neuausrichtung“, der nicht zulassen darf, „die Dinge so belassen wie sie sind“ (Nr. 25). Eine tiefgreifende Reform der Strukturen der Kirche ist hierfür unerlässlich, um die missionarische Dynamik zu stärken.

Eine Kirche im Aufbruch: Reform, Offenheit und die „verbeulte“ Kirche

Die Notwendigkeit der Reform betrifft laut Papst Franziskus auch das Papsttum selbst. Er sei dazu berufen, das zu leben, was er von anderen verlange (Nr. 32). Sein Amt müsse immer mehr der Bedeutung treu werden, die Christus ihm geben wollte, und „mehr den gegenwärtigen Notwendigkeiten der Evangelisierung entspricht“ (Nr. 32). In diesem Kontext betont der Papst die Bedeutung der Bischofskonferenzen, die „Subjekte mit konkreten Kompetenzbereichen (...) auch einschließlich einer gewissen authentischen Lehrautorität“ werden sollten, wie es das Zweite Vatikanische Konzil gewünscht habe. Eine „übertriebene Zentralisierung kompliziert das Leben der Kirche und ihre missionarische Dynamik, anstatt ihr zu helfen“ (Nr. 32). Es dürfe keine Angst davor geben, historisch gewachsene Dinge anzugehen, die nicht direkt mit dem Evangelium zusammenhängen (Nr. 43).

Ein starkes Zeichen für die Annahme Gottes sei es, überall offene Kirchen zu haben. Menschen auf der Suche ertrügen nicht die „Kälte einer verschlossenen Tür“. Auch die Türen der Sakramente dürften nicht aus irgendeinem beliebigen Grund geschlossen werden, so Franziskus (Nr. 47), was besonders für die Taufe gelte. Die Eucharistie sei „nicht eine Belohnung für die Vollkommenen, sondern ein großzügiges Heilmittel und eine Nahrung für die Schwachen“ (Nr. 47). Dies habe pastorale Konsequenzen, die „mit Besonnenheit und Wagemut“ angegangen werden müssten. Eindringlich betont Franziskus seine Vision einer Kirche, die sich nicht in ihren Sicherheiten verschanzt, sondern sich mutig in die Welt wagt:

Die „kranke“ Kirche (statisch, nach innen gekehrt)Die „verbeulte“ Kirche (dynamisch, nach außen gerichtet)
Krank aufgrund ihrer Verschlossenheit und Bequemlichkeit„Verbeult“, verletzt und beschmutzt, weil sie auf die Straßen hinausgegangen ist
Klammert sich an eigene SicherheitenScheut sich nicht vor den Herausforderungen der Welt
Der Glaube verbraucht sich und sinkt ins Schäbige ab (grauer Pragmatismus)Verkündet die Frohe Botschaft mit ursprünglicher Frische
Verfällt in sterilen PessimismusIst ein Zeichen der Hoffnung und fördert eine „Revolution der zärtlichen Liebe“

„Mir ist eine ‚verbeulte‘ Kirche, die verletzt und beschmutzt ist, weil sie auf die Straßen hinausgegangen ist, lieber, als eine Kirche, die aufgrund ihrer Verschlossenheit und ihrer Bequemlichkeit, sich an die eigenen Sicherheiten zu klammern, krank ist.“ (Nr. 49)

Die Versuchungen und Gefahren der Weltlichkeit

Papst Franziskus warnt in seinem Schreiben eindringlich vor den Versuchungen, die das Evangelisierungswerk untergraben können, insbesondere für Seelsorger und Hirten. Er nennt Individualismus, Identitätskrisen und den Rückgang des Eifers (Nr. 78). Die größte Gefahr aber sei der „graue Pragmatismus des kirchlichen Alltags, bei dem scheinbar alles mit rechten Dingen zugeht, in Wirklichkeit aber der Glaube verbraucht wird und ins Schäbige absinkt“, zitiert Franziskus Kardinal Josef Ratzinger (Nr. 83). Er ruft dazu auf, Zeichen der Hoffnung zu sein und nicht in einen sterilen Pessimismus abzusinken (Nr. 84, 86), um eine „Revolution der zärtlichen Liebe“ zu erreichen (Nr. 88). Zu oft fliehe man in eine „’Spiritualität des Wohlbefindens‘ ohne Gemeinschaft“ oder eine „’Theologie des Wohlstands‘ ohne brüderlichen Einsatz“ (Nr. 90), in denen die geistliche Weltlichkeit die Oberhand gewinne. Diese Weltlichkeit suche immer nur das eigene Wohl und nicht Gott (Nr. 93).

Der Papst spricht von jenen, die sich für etwas Besseres halten, die einem Stil von Katholizismus anhingen, welcher der Vergangenheit angehöre, die sich um eine übertriebene Pflege der Liturgie zuwenden, die gesellschaftliche Anerkennung suchen, die zu Funktionären werden. Papst Franziskus zählt diese Versuchungen auf, die alle den einen Kern hätten: Hier fehle Christus (Nr. 95). „Es ist eine schreckliche Korruption mit dem Anschein des Guten. Man muss sie vermeiden, indem man die Kirche in Bewegung setzt, dass sie aus sich herausgeht, in eine auf Jesus Christus ausgerichtete Mission, in den Einsatz für die Armen.“ (Nr. 97) Der Papst appelliert auch an die Gemeinschaft der Kirche, nicht in gegenseitigen Neid und Gegnerschaft zu verfallen. „Wie viele Kriege innerhalb des Gottesvolkes und in den verschiedenen Gemeinschaften!“ (Nr. 98) Er fordert, den Schmerz derer, die unter Verwundungen leiden, nicht zu übergehen, stellt aber angesichts der Auseinandersetzungen die entscheidende Frage: „Wen wollen wir mit diesem Verhalten evangelisieren?“ (Nr. 100)

Die entscheidende Rolle der Laien und Frauen in der Kirche

Ein zentrales Anliegen von „Evangelii Gaudium“ ist die Stärkung der Verantwortung der Laien für die Kirche. Franziskus stellt fest, dass Laien teilweise durch mangelnde Ausbildung, teilweise durch einen „ausufernden Klerikalismus“ nicht die Rolle spielten, die sie spielen sollten. Er betont, dass die „Räume für eine wirksamere weibliche Gegenwart in der Kirche noch erweitert werden“ müssten, vor allem dort, wo die wichtigen Entscheidungen getroffen würden (Nr. 92, 93). „Die Beanspruchung der legitimen Rechte der Frauen (...) stellt die Kirche vor tiefe Fragen, die sie herausfordern und die nicht oberflächlich umgangen werden können“ (Nr. 104). Im gleichen Zusammenhang stellt Papst Franziskus aber noch einmal fest, dass das den Männern vorbehaltene Priestertum nicht zur Diskussion stehe, aber „Anlass zu besonderen Konflikten geben (kann), wenn die sakramentale Vollmacht zu sehr mit der Macht verwechselt wird“ (Nr. 104). Auch die Jugendlichen müssten eine größere Rolle spielen, so der Papst weiter (Nr. 106), da sie die Zukunft der Kirche und der Gesellschaft sind und ihre Energie und Kreativität für die Evangelisierung unerlässlich sind.

Glaube, Kultur und die Bedeutung der Inkulturation

Papst Franziskus widmet sich auch den Fragen des Zusammenhangs von Glaube und Kultur, die unter dem Begriff der „Inkulturation“ zusammengefasst werden. Er betont, dass die Kirche nicht über ein einziges kulturelles Modell verfüge und die „authentische Katholizität sich in der Verschiedenheit ausdrücke“ (Nr. 116). Die Kirche könne nicht erwarten, dass die gesamte Welt das Modell übernähme, das sich in der Geschichte Europas herausgebildet hätte (Nr. 118), denn „die Kultur ist etwas Dynamisches, das von einem Volk ständig neu erschaffen wird“ (Nr. 122). Hier sei besonders die Volksfrömmigkeit von Bedeutung, so Franziskus, „in der der empfangene Glaube in einer Kultur Gestalt angenommen hat und ständig weitergegeben wird“ (Nr. 123). Um diese Weitergabe fruchtbar zu machen, ruft der Papst die Theologen auf, den Dialog und die Begegnung zu fördern und zu reflektieren. „Doch ist es für diese Aufgabe nötig, dass ihnen die missionarische Bestimmung der Kirche und der Theologie selbst am Herzen liegt und sie sich nicht mit einer Schreibtisch-Theologie zufrieden geben.“ (Nr. 133). Dies ist ein Aufruf zu einer Theologie, die nicht nur akademisch ist, sondern tief im Leben der Menschen verwurzelt und auf die Verkündigung ausgerichtet ist.

Gerechtigkeit, Menschlichkeit und die „Wegwerfkultur“

Einer der schärfsten Kritikpunkte in „Evangelii Gaudium“ richtet sich gegen das aktuelle ökonomische System, das Papst Franziskus „in der Wurzel ungerecht“ nennt (Nr. 59). Diese Form der Wirtschaft töte, denn in ihr herrsche das Gesetz des Stärkeren. Der Mensch sei nur noch als Konsument gefragt, und wer das nicht leisten könne, der werde nicht mehr nur ausgebeutet, sondern ganz ausgeschlossen, weggeworfen. Diese „Kultur des Wegwerfens“ habe etwas Neues geschaffen. „Die Ausgeschlossenen sind nicht ‚Ausgebeutete‘, sondern Müll, ‚Abfall‘.“ (Nr. 53) Die Welt lebe in einer neuen Tyrannei des „vergötterten Marktes“, die manchmal sichtbar, manchmal virtuell sei. Hier regierten Finanzspekulation, Korruption und Egoismen, die sich etwa in Steuerhinterziehung ausdrückten (Nr. 56).

Franziskus weist auch auf Angriffe auf die Religionsfreiheit hin, auf die „neuen Situationen der Christenverfolgung, die in einigen Ländern alarmierende Stufen des Hasses und der Gewalt erreicht haben.“ (Nr. 61) Auch die Familie durchlaufe eine tiefe kulturelle Krise, so Franziskus. Sie sei der Ort des Lernens, mit Verschiedenheiten umzugehen und zu reifen, werde aber „tendenziell als eine bloße Form affektiver Befriedigung gesehen“ (Nr. 66). Dagegen zerstöre „der postmoderne und globalisierte Individualismus“ die Bindungen zwischen Menschen und die Familienbande (Nr. 67).

Der Papst betont die Verbindung zwischen der Verkündigung und der Förderung der Menschlichkeit, „die sich notwendig in allem missionarischen Handeln ausdrücken und entfalten muss“ (Nr. 178). Man könne von der Kirche nicht erwarten, dass sie den Glauben ins Privatleben verlege und so keinen Einfluss mehr habe auf das soziale Zusammenleben. „Wer würde es wagen, die Botschaft des heiligen Franz von Assisi und der seligen Teresa von Kalkutta in ein Gotteshaus einzuschließen und zum Schweigen zu bringen?“ (Nr. 183) Franziskus zitiert an dieser Stelle Papst Johannes Paul II.: Die Kirche könne nicht abseits stehen, wenn es um das „Ringen um Gerechtigkeit“ geht.

Die Armen seien für die Kirche zuerst eine theologische Kategorie, dann erst eine soziologische oder politische. „Aus diesem Grund wünsche ich mir eine arme Kirche für die Armen.“ (Nr. 198) Jede Gemeinschaft in der Kirche, welche die Armen vergesse, stehe in der „Gefahr der Auflösung“ (Nr. 207), weil das religiöse Tun fruchtlos werde und in einer „spirituellen Weltlichkeit“ aufgehe. Papst Franziskus lädt zu einer Sorge um die Schwächsten ein: Die Kirche müsse den „neuen Formen von Armut und Hinfälligkeit – Obdachlosen, den Drogenabhängigen, den Flüchtlingen, den eingeborenen Bevölkerungen, den immer mehr vereinsamten und verlassenen alten Menschen usw.“ Aufmerksamkeit schenken, außerdem besonders auch den Flüchtlingen, hier rufe er zu einer „großherzigen Öffnung auf, die, anstatt die Zerstörung der eigenen Identität zu befürchten, fähig ist, neue kulturelle Synthesen zu schaffen.“ (Nr. 210)

Ein brennendes Thema seien auch die neuen Formen der Sklaverei, die unsere Gesellschaft hervorbringe, so der Papst. Es seien diejenigen, die wir jeden Tag umbringen würden durch Arbeit in einer illegalen Fabrik, im Netz der Prostitution, in den zum Betteln missbrauchten Kindern. „Es gibt viele Arten von Mittäterschaft. Die Frage geht alle an! Dieses mafiöse und perverse Verbrechen hat sich in unseren Städten eingenistet, und die Hände vieler triefen von Blut aufgrund einer bequemen, schweigenden Komplizenschaft.“ (Nr. 211) Zu den Schwächsten, derer sich die Kirche annehme, gehörten auch die ungeborenen Kinder, denen die Würde des menschlichen Lebens verweigert würde (Nr. 213). Die Kirche werde ihre Einstellung in dieser Frage nicht ändern, es sei keine Frage der „Modernität“, der sich die Kirche anpassen müsste. Allerdings müsse die Kirche sich auch fragen, ob sie genug getan habe und Verständnis aufgebracht habe für die Frauen, die durch eine Schwangerschaft in Notlagen geraten (Nr. 214).

Der Dialog als Weg zur Einheit und zum Frieden

Die Verkündigung impliziere den Weg des Dialogs, so der Papst. Dieser Weg öffne die Kirche für die Zusammenarbeit mit politischen, sozialen, religiösen und kulturellen Institutionen und Gruppen (Nr. 238). Hier hinein gehört auch die Ökumene, die ein unaufgebbarer Teil der Verkündigung sei. Die Spaltung der Christen verhindere das glaubwürdige Zeugnis. Außerdem könnten die Christen viel voneinander lernen, Franziskus weist hier auf die orthodoxen Kirchen und ihre Tradition der Synodalität hin (Nr. 246). Der Dialog und die Freundschaft mit den Kindern Israels sei ebenfalls ein Teil des Lebens der Jünger Jesu (Nr. 248). Auch der interreligiöse Dialog, geführt mit einer „klaren und freudigen Identität“, sei eine notwendige Bedingung für den Frieden in der Welt und verdunkle die christliche Verkündigung keineswegs (Nr. 250, 251). Demütig bitte er die Länder mit islamischer Tradition darum, „in Anbetracht der Freiheit, welche die Angehörigen des Islam in den westlichen Ländern genießen, den Christen Freiheit zu gewährleisten, damit sie ihren Gottesdienst feiern und ihren Glauben leben können.“ (Nr. 253)

Verkündiger im Heiligen Geist: Leidenschaft und Zeugnis

Im Abschlusskapitel spricht Papst Franziskus von den Evangelisatoren, die sich dem Handeln des Heiligen Geistes öffnen. „Der Heilige Geist verleiht außerdem die Kraft, die Neuheit des Evangeliums mit Freimut (parrhesía) zu verkünden, mit lauter Stimme, zu allen Zeiten und an allen Orten, auch gegen den Strom.“ (Nr. 259). Dies seien Verkünder, die beteten und arbeiteten, sie seien überzeugt, dass „die Mission (...) eine Leidenschaft für Jesus (ist), zugleich aber eine Leidenschaft für sein Volk.“ (Nr. 268) Eingeladen, Zeugnis abzulegen für den Grund unserer Hoffnung würden sie das nicht als Feinde, die verurteilten (Nr. 271). Der Papst ermutigt: „Da wir nicht immer diese aufkeimenden Sprossen sehen, brauchen wir eine innere Gewissheit und die Überzeugung, dass Gott in jeder Situation handeln kann, auch inmitten scheinbarer Misserfolge, denn ‚diesen Schatz tragen wir in zerbrechlichen Gefäßen‘ (2 Kor 4,7).“ (Nr. 279) Dies ist ein Aufruf zu unerschütterlichem Vertrauen und Ausdauer im Angesicht von Schwierigkeiten und Rückschlägen, wissend, dass Gottes Wirken oft im Verborgenen geschieht und sich in der Schwachheit manifestiert.

Häufig gestellte Fragen zu Evangelii Gaudium

Was ist der Hauptzweck von Evangelii Gaudium?
Der Hauptzweck ist es, alle Christgläubigen zu einer neuen Etappe der Evangelisierung einzuladen, die von der Freude des Evangeliums geprägt ist, und Wege für die Kirche in den kommenden Jahren aufzuzeigen. Es ist ein programmatisches Schreiben für das Pontifikat von Papst Franziskus.
Was bedeutet „permanente Mission“?
„Permanente Mission“ bedeutet, dass die Evangelisierung kein gelegentliches Projekt, sondern ein fortwährender Zustand und die grundlegende Haltung der Kirche und jedes Getauften sein soll. Es ist eine ständige Bewegung nach außen, um die Liebe Gottes zu allen Menschen zu bringen.
Warum spricht Papst Franziskus von einer „verbeulten“ Kirche?
Der Papst bevorzugt eine „verbeulte“ Kirche, die verletzt und beschmutzt ist, weil sie mutig auf die Straßen hinausgegangen ist, um zu evangelisieren. Dies steht im Gegensatz zu einer „kranken“ Kirche, die aus Angst vor Konfrontation und aus Bequemlichkeit in sich selbst verschlossen bleibt und an ihren Sicherheiten festhält.
Welche Rolle spielen Laien und Frauen laut dem Schreiben?
Evangelii Gaudium unterstreicht die Notwendigkeit, die Verantwortung der Laien in der Kirche zu stärken. Es fordert auch eine Ausweitung der „wirksameren weiblichen Gegenwart in der Kirche“, insbesondere in Entscheidungspositionen, und betont die Notwendigkeit, die legitimen Rechte der Frauen anzuerkennen und die damit verbundenen Fragen ernsthaft anzugehen.
Wie steht Evangelii Gaudium zur sozialen Gerechtigkeit?
Das Schreiben übt scharfe Kritik am aktuellen ökonomischen System, das als „in der Wurzel ungerecht“ bezeichnet wird und eine „Kultur des Wegwerfens“ schafft, in der Menschen zu „Abfall“ werden. Papst Franziskus betont die untrennbare Verbindung zwischen der Verkündigung des Glaubens und dem Einsatz für soziale Gerechtigkeit, insbesondere für die Armen und Schwächsten. Er wünscht sich eine „arme Kirche für die Armen“.

Fazit: Ein Aufruf zur Freude und zum Aufbruch

„Evangelii Gaudium“ ist ein kraftvoller Aufruf zu einer Kirche, die aus sich selbst herausgeht, die sich nicht in Komfortzonen oder veralteten Strukturen verliert, sondern sich mutig den Herausforderungen der modernen Welt stellt. Die Botschaft von der Freude des Evangeliums ist dabei keine oberflächliche Emotion, sondern eine tief verwurzelte Gewissheit, die aus der Begegnung mit Christus erwächst und die Kraft verleiht, Widerstände zu überwinden. Papst Franziskus fordert eine radikale Neuausrichtung hin zur Mission, eine Dezentralisierung der kirchlichen Macht, eine stärkere Beteiligung von Laien und Frauen sowie einen unermüdlichen Einsatz für soziale Gerechtigkeit und die Schwächsten der Gesellschaft. Es ist ein Schreiben voller Hoffnung und Ermutigung, das die Gläubigen dazu anspornt, das Evangelium mit Freimut und Leidenschaft zu verkünden und so zu Zeugen der Liebe Gottes in einer Welt zu werden, die diese Botschaft dringender denn je braucht.

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