15/07/2023
Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) hat sich seit Langem dem Dreiklang von Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung verschrieben. Dieser sogenannte konziliare Prozess bildet das Fundament ihres Handelns und Denkens in einer sich ständig wandelnden Welt. Besonders die Synode der EKD hat sich immer wieder aktiv an diesem Prozess beteiligt und ihn mit konkreten Beschlüssen und Initiativen untermauert. Im Jahr 2019, nach einer Rückschau auf die Friedensdenkschrift von 2007, fasste die Synode in einer maßgeblichen Kundgebung die „Kirche auf dem Weg der Gerechtigkeit und des Friedens“ in Worte. Dabei wurde nicht nur der Klimaschutz und eine nachhaltige Entwicklung als integraler Bestandteil des Friedens betont, sondern auch der innere gesellschaftliche Frieden als entscheidender Faktor hervorgehoben. Seitdem folgten zahlreiche Beschlüsse zu Friedensethik, Klimagerechtigkeit, Demokratieförderung, Migrationsfragen und dem Kampf gegen Rechtsextremismus, die diesen Dreiklang mit Leben füllten und vertieften.

Doch der russische Einmarsch in die Ukraine im Februar 2022 und die damit einhergehende, vielfach ausgerufene „Zeitenwende“ haben nicht nur die Politik und Gesellschaft, sondern auch die EKD-Synode vor neue, drängende Fragen gestellt. Es gilt, selbstkritisch zu prüfen, ob Überzeugungen und Gewissheiten, die noch im Herbst 2019 Gültigkeit besaßen, drei Jahre später unter den veränderten globalen Bedingungen noch Bestand haben können. Dieser Artikel soll einen Beitrag zu dieser Reflexion leisten, wobei angesichts des Krieges in der Ukraine dem Thema Frieden eine besondere und vorrangige Bedeutung zukommt.
Frieden in Zeiten des Krieges: Die Ukraine und die europäische Ordnung
Seit dem erneuten Angriff Russlands auf die Ukraine im Februar 2022, der auf die Annexion der Krim und den Krieg im Donbas seit 2014 folgte, sind zehntausende Menschen getötet, Hunderttausende verletzt und Millionen aus ihren Heimatorten vertrieben worden. Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit sind zu einem bewussten Instrument der russischen Kriegsführung geworden. Dazu gehören auch die unverantwortliche Drohung mit einem Atomkrieg und die gezielte Gefährdung von Atomkraftwerken. In den von russischen Truppen besetzten Gebieten hat sich eine Herrschaft des Terrors etabliert, gekennzeichnet durch schwerste Menschenrechtsverletzungen und die offene Absicht, die ukrainische Kultur auszulöschen.
Die Evangelische Kirche in Deutschland hat diesen Angriffskrieg von Beginn an scharf verurteilt. Sie hat ihre uneingeschränkte Solidarität mit den Menschen in der Ukraine betont und das völkerrechtlich verbriefte Recht auf Selbstverteidigung klar bejaht. Diese Solidarität wird in vielen Gemeinden und zivilgesellschaftlichen Netzwerken Tag für Tag konkret gelebt: durch die Aufnahme und Begleitung von Geflüchteten, den intensiven Kontakt mit unseren Partnerkirchen vor Ort, ökumenische Gespräche und die konkrete Unterstützung der Menschen in der Ukraine durch die Kirche und ihre Werke. In den Begegnungen mit den geflüchteten Familien nehmen wir Anteil an den Verheerungen des Krieges, aber auch an den Hoffnungen auf einen Neuanfang in den befreiten Gebieten – sei es im Großraum Kiew oder inzwischen auch im Osten des Landes.
Die Synode dankt der Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK) im September 2022 in Karlsruhe für die klare Verurteilung der russischen Aggression und jeglicher religiösen Rechtfertigung derselben. Dass dieses Votum auch unter Mitwirkung von Vertretern der Russisch-Orthodoxen Kirche zustande kam, ist ein ermutigendes Signal ökumenischer Gemeinschaft und ein Zeichen der Hoffnung. Umso deutlicher verurteilt die Synode die fortgesetzte Instrumentalisierung und den Missbrauch der Religion durch das Moskauer Patriarchat. Denn das ökumenische Bekenntnis von 1948, dass Krieg nach Gottes Willen nicht sein soll, richtet sich zuerst und vor allem an jene, die für eine solche Aggression Verantwortung tragen.
So unstrittig die Solidarität mit den Opfern in diesem Krieg ist, so kontrovers wird in unserer Kirche darüber gestritten, welche konkreten Mittel zur Unterstützung der Ukraine geeignet und ethisch zu rechtfertigen sind. Es ist ein Wert an sich, wenn die Kirchen einen Raum bieten, um über solche Fragen offen und in gegenseitigem Respekt zu sprechen. Uns alle eint dabei das Bewusstsein, dass dieser Krieg so schnell wie möglich beendet werden muss. Am Ende müssen Verhandlungen stehen, die einen Rückzug der russischen Truppen und die Wiederherstellung der Souveränität der Ukraine zum Ziel haben. Nur so kann deutlich gemacht werden, dass militärische Aggression und imperiale Ansprüche nicht belohnt werden. Krieg kennt nur Verlierer. Gewonnen werden kann nur ein gerechter Friede.
Die Synode sieht mit großer Sorge, dass der russische Angriffskrieg auch die Fundamente der europäischen Friedensordnung nach dem Ende des Kalten Krieges erschüttert hat und sich damit auch die Bedrohungsanalysen verändern. Wir warnen jedoch davor, die Antwort darauf allein in militärischen Kategorien zu suchen. Die Notwendigkeit, Europa als einen Raum gesicherter Grenzen zu organisieren, innerhalb dessen sich die Herrschaft des Rechts, Verständigung und Kooperation entfalten können, bleibt mehr denn je die Herausforderung der kommenden Jahrzehnte. Dieses Europa muss auch einem veränderten Russland, sofern es sich in Zukunft wieder auf diese Prinzipien besinnen sollte, eine Perspektive bieten. Als Kirche wollen wir dazu die ökumenischen Kontakte zu unseren Partnerkirchen überall in Europa und in der Welt stärken und intensivieren, um dem Horizont des gerechten Friedens eine hoffnungsvolle und realitätsfähige Stimme zu geben. Zugleich wollen wir die Beziehung der EKD zu Russland und der Russisch-Orthodoxen Kirche kritisch aufarbeiten und neu bewerten.
Dieser Horizont umspannt zugleich die gesamte Welt. Gerechter Friede kann sich nur im Rahmen einer weltweiten Friedensordnung entfalten. Daher kann unsere Sorge nicht nur der Sicherheit Europas gelten. Menschliche Sicherheit als Freiheit von Furcht und Freiheit von Mangel muss für alle Menschen gewährleistet werden. Doch derzeit nehmen, auch im Schatten des Krieges in Europa, gewaltsam ausgetragene Konflikte weltweit wieder zu. Überdies blockieren neue geopolitische Verwerfungen die Fähigkeit der Staatengemeinschaft, kooperative Lösungen für die so dringend nötige Bewältigung der zahlreichen globalen Herausforderungen zu finden. Wir setzen uns daher für die Stärkung einer weltweiten Friedensordnung ein, die sich auf Völkerrecht und Menschenrechte stützt. Einem drohenden neuen Rüstungswettlauf, der die Fragilität des internationalen Systems weiter erhöhen würde, treten wir entschieden entgegen.
Gerechtigkeit in einer polarisierten Gesellschaft
Der Krieg in der Ukraine und seine auch für uns in Deutschland spürbaren Folgen treffen auf eine Gesellschaft, die nach drei Jahren Pandemie erschöpft, verwundet und polarisiert ist. Das Zusammenwirken ganz unterschiedlicher Herausforderungen durch Krieg, Inflation, Energieknappheit und Corona überfordert viele Menschen. Der Blick auf die Zukunft ist bestimmt von Sorgen, die für manche mit einem spürbaren Wohlstandsverlust, für viele aber mit existenziellen Nöten verbunden sind.
Kontroverse Äußerungen aus der Politik haben diese Unsicherheit verstärkt und das Vertrauen in ihre Handlungsfähigkeit geschwächt. Weil die Krise jeden anders herausfordert, wird es auch unterschiedliche und bisweilen gegensätzliche Wahrnehmungen darüber geben, wie gerecht und fair staatliche Hilfen und öffentliche Aufmerksamkeit für unterschiedliche Gruppen verteilt sind. Wo es nicht gelingt, diese Erfahrungen miteinander ins Gespräch zu bringen, droht eine Konkurrenz von Partikularinteressen, die Polarisierung weiter verschärft und die Gesellschaft spaltet. Wir brauchen deshalb öffentliche Hör- und Gesprächsräume und eine Bereitschaft zum respektvollen Streit. Auch friedliche Demonstrationen sind ein unverzichtbarer Beitrag zum demokratischen Ringen in einer Situation, in der sich auch die politisch Verantwortlichen auf unerprobtem Gelände bewegen und Entscheidungen eine belastbare Fehlerkultur brauchen. Wo es um konkrete Sorgen und offensichtliche Ungerechtigkeiten geht, begrüßen wir es, wenn sich auch Christinnen und Christen an solchen Protesten beteiligen.
Wir erkennen aber auch: Seit längerer Zeit demonstrieren auch Menschen regelmäßig mit ganz anderen Zielen. In den östlichen Bundesländern wird bei diesen Demonstrationen nicht selten an die Montagsdemos der Zeit um 1989 angeknüpft. Immer wieder rufen radikale Gruppen, die wenigstens am Rand der Verfassungsfeindlichkeit stehen und einen Wechsel des politischen Systems in Deutschland wünschen, zu diesen Demonstrationen auf. Sowohl die Wortwahl als auch die Inhalte erreichen dabei nicht mehr akzeptable Dimensionen. Namentlich Journalistinnen und Journalisten werden bisweilen mit körperlicher Gewalt an ihrer Arbeit gehindert. Das Grundgesetz sichert ein uneingeschränktes Demonstrationsrecht zu. Aufrufe zur Gewalt sind damit nicht gedeckt und müssen weiterhin strafrechtlich verfolgt werden.
Als Evangelische Kirche werden wir alles tun, um in Seelsorge, sozialdiakonischer Arbeit und einer intensiven Vernetzung mit zivilgesellschaftlichen Partnern unseren Beitrag in dieser Krise zu leisten. Die Synode begrüßt deshalb die Entscheidung vieler Landeskirchen und Bistümer in Deutschland, zusätzliche Einnahmen aus der Energiezulage gezielt in diesem Sinne einzusetzen. Vor allem die Aktion #Wärmewinter der Kirche und der Diakonie bietet die Möglichkeit, mit einer Vielzahl von konkreten Projekten die Solidarität zu leben, die nun erforderlich ist.
Für den innergesellschaftlichen Frieden haben die Kirchen eine besondere Aufgabe. Diese richtet sich sowohl nach innen als auch nach außen. Weil in der Botschaft des Evangeliums jeder Mensch in ein unmittelbares und von Würde durchdrungenes Verhältnis zu Gott gestellt wird, ist es die wesentliche Aufgabe von Kirche, den Dialog zu suchen, der Stimme von Sorgen Raum zu geben und mit aller Kraft lebensfeindlichen Kräften entgegenzutreten, die eben diese Würde verneinen.
In unseren Gemeinden, Diensten und Werken treten wir als Kirche deshalb jeder Form von Radikalisierung und menschenfeindlichen Weltbildern in Diskurs und Praxis entgegen. Alle Bestrebungen, das Miteinander zu zerstören, finden in der Botschaft Jesu Christi ihren klaren und unzweideutigen Widerspruch. Dies gilt gegenüber Menschen, die außerhalb der Kirche in zerstörerischer Weise auf die freiheitlich-demokratische Grundordnung einwirken wollen. Dies gilt gleichermaßen auch für Menschen, die dies in kirchlichen Gemeinden, Diensten und Werken tun. In dem Wissen darum, dass Christsein keine Garantie dafür ist, tatsächlich auch ein gottgefälliges Leben zu führen (Papst Franziskus, „Fratelli tutti“) gilt es, auch innerhalb der Kirche die Geister von den Ungeistern zu unterscheiden (1. Joh. 4, 1) und so Räume des Dialogs zu schaffen, die dort enden, wo die verfassungsfeindliche Rede beginnt. Dies kann und soll auf allen Ebenen kirchlichen Daseins und Handelns (Gemeinde, Kirchenleitung, kirchliche Häuser) geschehen.
Derlei klar umrissene Räume des Dialogs bereitzustellen, ist ureigene Aufgabe von Kirche, denn sie hat immer auch auf diejenigen zu hören, die Sorgen artikulieren, sich in Nöten sehen und in der Gefahr stehen, in ihren Anliegen ungehört zu bleiben. Zudem ist es ihre Aufgabe, in Gebet und Tat Wege zu ebnen, die Versöhnung und die Rückkehr zum kontroversen, dabei aber friedlichen Diskurs ermöglichen. Dieser Ruf in die Anwaltschaft um des Lebens und des Friedens willen umfasst auch und gerade das (stellvertretende) Gebet und die Fürbitte für die Wahrung des inneren und äußeren Friedens. Gerade hier liegt das Proprium der Kirche, gerade hier bekommen Ohnmacht, Ratlosigkeit und Not einen Ort und damit auch die Perspektive, auf Hoffnung hin verwandelt zu werden. Die Friedensgebete, die zur prägenden Tradition der östlichen Gliedkirchen gehören, geben Zeugnis von ihrer gemeinschaftsstiftenden und - bewahrenden Kraft, in der Ohnmacht und Ermächtigung zur Hoffnung gleichermaßen Raum haben. Diese Gebete sind unverzichtbar. So ermutigen wir die Gemeinden, Dienste und Werke, in ihrem Engagement für Dialog, für konkrete diakonische Hilfe und in ihrem Gebet für den Frieden in Deutschland und in Europa nicht nachzulassen.
Der russische Angriffskrieg richtet sich nicht nur gegen die Ukraine, sondern setzt gezielt auf die Spaltung Europas und der Welt. Die Verknappung von Energie, Getreide und anderen Ressourcen wird dabei systematisch als Waffe eingesetzt. Die Weltgemeinschaft hatte sich mit der Agenda 2030 und den Zielen für eine nachhaltige Entwicklung vorgenommen, Hunger und Armut in der Welt bis 2030 zu überwinden. Durch die Folgen des Krieges, der Corona-Pandemie und des Klimawandels ist die Welt auf diesem vielversprechenden Weg zurückgeworfen worden. Die Synode bittet die Bundesregierung, an den Zielen der Agenda 2030 unbedingt festzuhalten und das Engagement für die Verwirklichung dieser Ziele gerade auch angesichts der Rückschläge der vergangenen Jahre zu verstärken.
Wenn Deutschland fossile Energieträger bei Staaten kauft, die nachweislich die grundlegenden Menschenrechte ihrer Einwohnerinnen und Einwohner missachten, dann trägt es damit zur globalen Ungerechtigkeit bei und setzt ärmere Länder noch mehr unter Druck. Die OECD-Länder geben derzeit nur 0,33% des BIP für Entwicklungszusammenarbeit aus. Deutschland hat zwar den UN-Zielwert von 0,7% in den vergangenen Jahren erreicht, sieht aber für die kommenden Jahre eine Reduzierung der Entwicklungsleistungen vor. Die Synode setzt sich angesichts der erneuten Zunahme von Hunger und Armut in der Welt für eine deutliche Erhöhung der deutschen Entwicklungszusammenarbeit ein.
Gerechtigkeit in den Beziehungen der Staaten dieser Welt wird nur möglich, wenn wir darüber hinaus unseren Lebens- und Wirtschaftsstil verändern, faire Handelsbeziehungen und Energiepartnerschaften schaffen und nachhaltig in inklusive Rechts- und Sicherheitssysteme wie die UNO und die OSZE investieren. Wir können gerade angesichts des Krieges in der Ukraine an einer Friedensethik festhalten, die politische Realität nicht ignoriert und sich zugleich an der vorrangigen Option für die Gewaltfreiheit und den Aufbau internationaler gewaltüberwindender Rechtssysteme orientiert. Diese Friedensethik wollen wir umso engagierter weiterentwickeln.

Bewahrung der Schöpfung: Eine dringende Aufgabe
Der Krieg in der Ukraine hat nicht nur unmittelbare humanitäre, sondern durch die Schädigung von Böden und die Verschmutzung von Luft und Wasser auch schwerwiegende ökologische Folgen. Zu nennen sind insbesondere die hohen CO2-Emissionen durch militärisches Gerät, die Freisetzung toxischer Stoffe durch Brände und Angriffe auf die fossile Infrastruktur sowie die vielen Ressourcen, die schließlich der Wiederaufbau des Landes kosten wird.
Ganz grundsätzlich muss hier ergänzt werden: Als Weltgemeinschaft steuern wir darauf hin, die Ziele der Weltklimakonferenz von 2015 zu verfehlen. Damit droht ein Temperaturanstieg von 2-3 Grad mehr gegenüber dem vorindustriellen Niveau mit katastrophalen Folgen. Die politischen Maßnahmen in Deutschland zum Klimaschutz reichen bei weitem nicht aus - wie kürzlich erst der Expertenrat festgestellt hat. Bisher hat es nur kleine Erfolge im Ausbau der Erneuerbaren Energien gegeben, aber fast keine Abkehr von fossilen Systemen im Bereich Energiegewinnung, Heizung und Verkehr. Der Krieg in der Ukraine hat leider sowohl in der Politik als auch in der Gesellschaft die Aufmerksamkeit für die Bedeutung des Klimawandels verschoben. Deshalb ist es unsere Aufgabe als Kirche, gerade jetzt das Bewusstsein für die Bedeutung der Klimakrise wach zu halten. Denn der Klimawandel wartet nicht, bis Kriege gewonnen sind.
Wir beklagen weiterhin, dass sich Deutschland in dieser Krise als besonders verwundbar erweist: Zum einen durch Versäumnisse beim Ausbau der erneuerbaren Energien sowie bei der Umsetzung von Einsparungen bei den fossilen Energieträgern, zum anderen durch die bisherige extreme Abhängigkeit von russischen Energielieferungen – gegen die Warnungen unserer internationalen Partner, vor allem in Osteuropa. Explodierende Energiekosten und die Gefahr neuer Abhängigkeiten von klimafeindlichen Energieträgern und Kooperationen mit autoritären und menschenrechtsfeindlichen Regimen sind deshalb nun die unmittelbaren Folgen dieser Versäumnisse und Fehlentscheidungen. Wir halten es für eine ehrliche gesellschaftliche Debatte für unverzichtbar, diesen Zusammenhang von Ursache und Wirkung immer wieder herauszustellen.
Als Evangelische Kirche haben wir Anteil an früheren Versäumnissen, ebenso wie wir das Potenzial haben, Teil der notwendigen Transformation zu einer klimaneutralen Gesellschaft zu werden. Die Synode der EKD hat im November 2020 in ihrem Beschluss „Die Zeit ist jetzt“ bekannt, dass die bisherigen kirchlichen Anstrengungen zur Reduktion von Treibhausgasen weit hinter den selbstgesetzten Zielen zurückbleiben und sich zugleich auf eine Roadmap zur Treibhausgasneutralität bis 2035 verpflichtet. Die Synode bekräftigt dieses Ziel und sieht in der vom Rat der EKD verabschiedeten Klimaschutzrichtlinie einen wichtigen Beitrag auf diesem Weg. Indem wir uns als Christinnen und Christen selbst in die Pflicht nehmen, stellen wir uns an die Seite all derer, die sich mit entschlossenem Handeln für Klimagerechtigkeit und gegen den Anstieg der globalen Temperatur einsetzen. Wir appellieren an die politisch Verantwortlichen, die dringlichen Anstrengungen im Klimaschutz nicht als Gegensatz, sondern als den einzig zielführenden Weg zu einer nachhaltigen und bezahlbaren Energieversorgung der Zukunft zu verfolgen.
Klimagerechtigkeit bedeutet darüber hinaus, dass die Staaten, die hauptsächlich für den Klimawandel Verantwortung tragen, die ärmeren Staaten, die zu den Hauptleidtragenden zählen, bei der Anpassung an den Klimawandel und bei der Bewältigung seiner Folgen, angemessen unterstützen. Wir erwarten daher von der Bundesregierung, dass sie ihre Finanzierung für die internationalen Klimafinanzierung deutlich erhöht und sich bei dem derzeit stattfindenden Klimagipfel für den Aufbau eines Finanzierungsmechanismus zur Bewältigung klimabedingter Schäden und Verluste einsetzt. Die Bewahrung der Schöpfung ist eine gemeinsame globale Aufgabe.
Biblische Perspektiven auf Gerechtigkeit und Frieden
Die biblische Botschaft bildet das Fundament für das Engagement der Kirche für Gerechtigkeit und Frieden. Wenn wir von „Gerechtigkeit“ sprechen, denken wir oft an Rechtsprechung und Justiz. Der hebräische Begriff „zedeka“ ist jedoch viel umfassender und meint das fair geregelte gemeinschaftliche Verhalten. Dafür sollen sich Christen einsetzen – leicht gesagt, schwer getan. Die Bibel kann dabei eine wertvolle Orientierungshilfe sein.
Der Auftrag: Ungerechte Zustände bessern!
Die Bibel fordert nicht nur zum Einsatz für Recht und Gerechtigkeit auf, sondern sieht dies als selbstverständlichen Teil menschlichen Handelns. Konkret bedeutet das schon zu biblischen Zeiten Forderungen, die noch heute von Religionen und Hilfsorganisationen gestellt werden: Armut zu bekämpfen, Notleidenden zu helfen, gegen Willkürherrscher aufzustehen und für die Wahrung der Menschenwürde einzutreten. Eine Gemeinschaft, die sich gerecht verhält, kommt Gott näher: „Gerechtigkeit erhöht ein Volk“ (Sprüche 14,34). Der Einsatz für irdische Gerechtigkeit ist wichtiger, als ein folgenloses frommes Leben zu führen: „Recht und Gerechtigkeit tun ist dem Herrn lieber als Opfer“ (Sprüche 21,3). Die Propheten klagen dies immer wieder ein. Jeremia mahnt: „Schafft Recht und Gerechtigkeit und errettet den Bedrückten von des Frevlers Hand und bedrängt nicht die Fremdlinge, Waisen und Witwen und tut niemand Gewalt an“ (Jeremia 22,3). Jesaja spricht zu „den trotzigen Herzen, die ihr ferne seid von der Gerechtigkeit“ (Jesaja 46,12), und Amos klagt die an, „die ihr das Recht in Wermut verkehrt und die Gerechtigkeit zu Boden stoßt“ (Amos 5,7). Zefanja 2,3 ruft dazu auf: „Suchet Gerechtigkeit, suchet Demut!“
Die küssende Gerechtigkeit
Wunderschöne Bilder fallen einigen biblischen Verfassern ein, wenn sie an Gerechtigkeit und Frieden denken. Der Psalmist stellt sich Gerechtigkeit und Friede als ein Liebespaar vor, das sich küsst: „Güte und Treue begegnen einander, Gerechtigkeit und Friede küssen sich“ (Psalm 85,11). Und dass die „Gerechtigkeit vom Himmel schaue“ und wie eine Person den Schritten Gottes folge. Der Theologe Paulus abstrahiert und betont: „Das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken, sondern Gerechtigkeit und Friede und Freude in dem Heiligen Geist“ (Römer 14,17). Als Pflanze stellt sich der Jakobusbrief Gerechtigkeit vor: „Die Frucht der Gerechtigkeit aber wird gesät in Frieden für die, die Frieden stiften“ (Jakobus 3,18).
Gerechtigkeit führt zu Gott
Gottgefällig zu leben, bedeutet, „gerecht“ zu leben – sich also an die gemeinschaftswahrenden Gebote der Tora zu halten. Wer so lebt, kommt dem „Gott der Gerechtigkeit“ näher, denn „der Herr ist gerecht und hat Gerechtigkeit lieb“ (Psalm 11,7). Davon war auch Saul überzeugt: „Der Herr tut wohl an mir nach meiner Gerechtigkeit; er vergilt mir nach der Reinheit meiner Hände“ (1 Samuel 26,23). In späterer biblischer Zeit löste sich diese Selbstverständlichkeit auf, denn die Erfahrung wurde ernst genommen: Auch gerecht lebende Gläubige erleiden Unheil. „Gerechtigkeit war mein Kleid, das ich anzog, und mein Recht war mir Mantel“, beteuert Hiob (Hiob 29,14), der – obwohl vorbildlich fromm – schwere Schicksalsschläge verkraften musste. Seine Freunde hingegen äußern Zweifel daran. Der Prophet Daniel schließlich baut mehr auf Gottes Gnade als auf die menschliche Vorstellung von Gerechtigkeit: „Wir liegen vor dir mit unserm Gebet und vertrauen nicht auf unsre Gerechtigkeit, sondern auf deine große Barmherzigkeit“ (Daniel 9,18). Vorsichtig macht das Buch der Sprüche Mut: „Wer der Gerechtigkeit nachjagt, den liebt er“ (Sprüche 15,9). Psalm 4,2 ruft: „Erhöre mich, wenn ich rufe, Gott meiner Gerechtigkeit.“
Selig die Gerechten
Wer für Gerechtigkeit eintritt, mag im Himmel Punkte sammeln; auf der Erde jedoch kann es schlimme Folgen haben. Das war die Erkenntnis der ersten Christen, die nicht nur übler Rede, sondern auch allerlei Verfolgungen ausgesetzt waren. Die Gläubigen finden in der Bergpredigt Jesu Stärkung, in der Jesus Mut macht: „Selig sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit; denn sie sollen satt werden… Selig sind, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden; denn ihrer ist das Himmelreich“ (Matthäus 5,6.10). Gerecht zu sein bedeutet mehr, als den Wortlaut der Gebote zu erfüllen, lehrt Jesus seine Jünger: „Wenn eure Gerechtigkeit nicht besser ist als die der Schriftgelehrten und Pharisäer, so werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen“ (Matthäus 5,20). 1 Petrus 3,14 bekräftigt: „Wenn ihr auch leidet um der Gerechtigkeit willen, so seid ihr doch selig.“
Gerechtfertigt durch den Glauben
Denken evangelische Christen an Gottes Gerechtigkeit, so kommt ihnen meist zuerst die „Rechtfertigung“ in den Sinn, jener Begriff, der im Zentrum von Martin Luthers Theologie steht. Der Reformator hatte eine Stelle im Römerbrief des Apostels Paulus gelesen und verstanden. Darin heißt es: Im Evangelium werde „offenbart die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, welche kommt aus Glauben in Glauben; wie geschrieben steht: ‚Der Gerechte wird aus Glauben leben‘“ (Römer 1,16f., Habakuk 2,4). Was nichts anderes bedeuten kann: Nicht das eigene Verhalten, sondern der Glaube ist Voraussetzung für das ewige Leben: „Nun aber ist ohne Zutun des Gesetzes die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, offenbart... Dem aber, der nicht mit Werken umgeht, glaubt aber an den, der die Gottlosen gerecht macht, dem wird sein Glaube gerechnet zur Gerechtigkeit“ (Römer 3,21; 4,5). Wer so glaubt, dem könnte die „Sonne der Gerechtigkeit“ aufgehen (Maleachi 3,20).
Das Jüngste Gericht und die Hoffnung auf den Messias
Am Ende aller Zeiten wird Gott Gerechtigkeit herstellen: Das ist eine Grundaussage der Bibel. Zum einen wartet das „Jüngste Gericht“, in dem die Menschen geprüft werden, ob sie Gerechtigkeit geübt haben gegenüber ihren bedürftigen Mitmenschen. Am eindrücklichsten ist dies in der Rede Jesu vom Weltgericht dargestellt (Matthäus 25,31-46). Es ist die Ausmalung einer Vorstellung, die bereits im Buch der Psalmen zu finden ist: Der Herr hatte seinen Thron bereitet zum Gericht, heißt es da, „er wird den Erdkreis richten mit Gerechtigkeit und die Völker mit seiner Wahrheit“ (Psalm 96,13). Der Prophet Jesaja stellt sich vor, dass Gott mit einer Waage und Richtschnur die Menschen prüft (Jesaja 28,17). Ganz am Ende dann, in den Wehen der Endzeit, wird ein Reiter auf einem weißen Pferd aus dem Himmel erscheinen, „richtet und kämpft mit Gerechtigkeit“ (Offenbarung 19,11). 2 Petrus 3,13 fasst zusammen: „Wir warten aber auf einen neuen Himmel und eine neue Erde nach seiner Verheißung, in denen Gerechtigkeit wohnt.“
Die Hoffnung auf einen Messias, der auf der Erde für Gerechtigkeit sorgt, durchzieht das Alte Testament. Ein Heilsbringer, der „mit Gerechtigkeit richten die Armen und rechtes Urteil sprechen den Elenden im Lande, und er wird mit dem Stabe seines Mundes den Gewalttätigen schlagen und mit dem Odem seiner Lippen den Gottlosen töten“ wird (Jesaja 11,4f.). „Gerechtigkeit wird der Gurt seiner Lenden sein und die Treue der Gurt seiner Hüften.“ (Jesaja 11,5). Jeremia 23,5 sagt: „Der soll ein König sein, der wohl regieren und Recht und Gerechtigkeit im Lande üben.“ Christen sind überzeugt: Jesus Christus ist dieser verheißene Messias.
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Was ist der konziliare Prozess der EKD?
Der konziliare Prozess beschreibt das Engagement der EKD für Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung. Er ist ein theologisch und ethisch begründeter Weg, auf dem die Kirche ihre Verantwortung für die Welt wahrnimmt und sich für eine lebenswerte Zukunft einsetzt. Er beinhaltet Reflexion, theologische Arbeit und konkretes Handeln.
Wie hat der Krieg in der Ukraine die Arbeit der EKD beeinflusst?
Der Krieg hat die EKD dazu veranlasst, ihre Prioritäten neu zu bewerten und den Frieden angesichts der akuten Bedrohung in den Vordergrund zu rücken. Dies bedeutet eine verstärkte Verurteilung des Angriffskriegs, Solidarität mit der Ukraine, Unterstützung für Geflüchtete und eine kritische Auseinandersetzung mit den Ursachen und Folgen des Konflikts, auch im Hinblick auf die Beziehungen zu anderen Kirchen.
Was tut die EKD konkret für den Klimaschutz?
Die EKD hat sich mit dem Beschluss „Die Zeit ist jetzt“ (2020) zur Treibhausgasneutralität bis 2035 verpflichtet. Dies umfasst die Reduktion eigener Emissionen in kirchlichen Einrichtungen und Gemeinden sowie den Appell an die Politik, dringende Maßnahmen zum Klimaschutz zu ergreifen und internationale Klimafinanzierung zu erhöhen. Die Klimaschutzrichtlinie des Rates der EKD dient als Roadmap für diesen Prozess.
Welche Rolle spielen Gebete für Frieden in der EKD?
Friedensgebete sind ein zentraler Bestandteil des kirchlichen Engagements für Frieden. Sie bieten Raum für Ohnmacht, Ratlosigkeit und Hoffnung, stärken die Gemeinschaft und ermöglichen es, Sorgen vor Gott zu bringen. Sie sind ein Ausdruck der Fürbitte für den inneren und äußeren Frieden und ermutigen zu konkretem diakonischem Handeln und Dialog.
Wie sieht die EKD die Bedeutung von Gerechtigkeit in der Gesellschaft?
Die EKD betont die Notwendigkeit von öffentlichem Dialog und respektvollem Streit, um gesellschaftliche Polarisierung zu überwinden. Sie unterstützt friedliche Proteste gegen Ungerechtigkeiten und setzt sich durch Seelsorge und diakonische Arbeit für Menschen in Not ein. Gleichzeitig tritt sie entschieden jeder Form von Radikalisierung und menschenfeindlichen Weltbildern entgegen, um den innergesellschaftlichen Frieden zu wahren.
Fazit: Ein Weg der Hoffnung und Verantwortung
Die Bitte um Frieden führt in die Konkretion. Als EKD-Synode verpflichten wir uns daher, am Gebet für den Frieden unverbrüchlich festzuhalten, die kirchlichen Räume weiterhin offen zu halten und zu öffnen, um Debatten und Diskurse über die Zeitenwende und einen menschenfreundlichen Umgang damit zu ermöglichen, weiterhin das Gespräch mit politisch Verantwortlichen zu führen, um auf Wege zum Frieden und zur Friedenswahrung zu drängen, evangelische Friedensethik angesichts der multiplen Krisen unserer Welt weiter zu entwickeln, in unserer eigenen Praxis alles zu tun, um unseren Beitrag zur Bekämpfung des Klimawandels zu leisten und das selbstgesetzte Ziel der Klimaneutralität bis 2035 zu erreichen.
Die „Kirche auf dem Weg der Gerechtigkeit und des Friedens“ ist mehr als ein Slogan; sie ist ein lebendiger Auftrag, der sich den komplexen Herausforderungen unserer Zeit stellt. Es ist der fortwährende Versuch, biblische Prinzipien in konkretes Handeln zu übersetzen und Hoffnung in einer Welt voller Unsicherheiten zu stiften. Das Engagement für eine gerechte, friedliche und bewahrte Welt bleibt eine zentrale Aufgabe, die die Kirche mit Gebet, Dialog und Tatkraft verfolgt.
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