03/07/2022
Die Evangelien berichten uns von einer der prägendsten Begegnungen der Menschheitsgeschichte: der Berufung der ersten Jünger durch Jesus von Nazareth. Es war am See von Galiläa, wo Jesus Simon und Andreas sah, wie sie ihre Netze auswarfen. Mit einfachen, doch machtvollen Worten rief er sie zu einer neuen Bestimmung: „Kommt her, folgt mir nach! Ich werde euch zu Menschenfischern machen.“ Sogleich ließen sie alles zurück und folgten ihm. Kurz darauf berief er Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus, auf ähnliche Weise. Diese Momente markierten den Beginn einer tiefgreifenden Beziehung, die das Leben dieser Männer und die Geschichte der Welt für immer verändern sollte. Doch wer waren diese Jünger, und was bedeutete es, Jesus nachzufolgen? Und wie viele waren es eigentlich?
Die Berufung der ersten Jünger: Fischer des Menschen
Die Schilderungen der Evangelisten über die ersten Berufungen der Jünger sind faszinierend und offenbaren unterschiedliche Schwerpunkte, die sich jedoch wunderbar ergänzen. Im Markusevangelium (1,16-20) und Matthäusevangelium (4,18-22) wird die Berufung von Simon (Petrus) und Andreas sowie Jakobus und Johannes sehr direkt und unmittelbar beschrieben. Jesus geht am See entlang, sieht die Fischer bei ihrer Arbeit und ruft sie. Ihre Reaktion ist sofortig und radikal: Sie lassen ihre Netze, ihre Boote und sogar ihren Vater zurück, um Jesus zu folgen. Diese schnelle, bedingungslose Antwort ist ein Zeugnis für die Autorität und Ausstrahlung Jesu.

Lukas (5,1-11) gibt eine detailliertere Darstellung, die der Berufung ein Wunder vorausgehen lässt: den wundersamen Fischfang. Nach einer Nacht ohne Erfolg füllen sich die Netze der Fischer auf Jesu Anweisung hin so sehr, dass sie zu reißen drohen. Dieses überwältigende Erlebnis führt Simon Petrus dazu, seine eigene Sündhaftigkeit zu erkennen und sich vor Jesus zu verneigen. Jesu Antwort „Fürchte dich nicht! Von jetzt an wirst du Menschen fangen“ verändert seine Perspektive von einem bloßen Fischer zu einem Menschenfischer. Hier wird deutlich, dass die Berufung nicht nur eine Einladung, sondern auch eine Transformation ist, die auf einer tiefen Erkenntnis basiert.
Das Johannesevangelium (1,35-51) wiederum schildert die ersten Begegnungen auf eine noch persönlichere Weise. Andreas und ein weiterer Jünger des Johannes des Täufers folgen Jesus, nachdem Johannes auf ihn als „das Lamm Gottes“ hingewiesen hat. Jesus fragt sie: „Was sucht ihr?“, was nicht nur eine Frage nach ihrem Ziel, sondern auch nach ihrer tiefsten Sehnsucht ist. Sie verbringen den Tag mit ihm, und Andreas ist so überzeugt, dass er sofort seinen Bruder Simon (Petrus) holt und verkündet: „Wir haben den Messias gefunden!“ Auch Philippus und Nathanael werden auf ähnliche Weise berufen. Diese Berichte zeigen, dass die Berufung oft durch Zeugnis und die persönliche Erfahrung mit Jesus geschieht.
Die Bedeutung des Wortes 'Jünger' und 'Apostel'
Das Wort „Jünger“ (griechisch: mathetes) bedeutet wörtlich „Lernender“ oder „Schüler“, aber auch „Auszubildender“. Es beschreibt jemanden, der einem Lehrer folgt, um von ihm zu lernen und sich seine Lehre und Lebensweise anzueignen. Die Jünger Jesu waren also nicht nur Zuhörer; sie lebten mit ihm, beobachteten seine Handlungen, hörten seine Predigten und wurden aktiv in seinen Dienst einbezogen. Sie lernten durch Nachahmung und praktische Erfahrung. Diese Ausbildung war intensiv und umfasste nicht nur theologische Lehren, sondern auch das Kennenlernen Gottes durch die Person Jesu und die Praxis der Verkündigung und Wunder.
Im Laufe dieser Ausbildung wählte Jesus einen engeren Kreis von zwölf Männern aus, die er später auch „Apostel“ nannte. Das Wort „Apostel“ (griechisch: apostolos) bedeutet „Gesandter“ oder „Bote“. Diese Bezeichnung markiert einen Übergang von der Phase des Lernens zur Phase des Sendens. Die Apostel wurden von Jesus mit einer besonderen Autorität und Mission ausgestattet, um seine Botschaft zu verkünden, Wunder zu wirken und seine Kirche aufzubauen. Während alle Apostel zuerst Jünger waren, wurden nicht alle Jünger zu Aposteln im spezifischen Sinne der Zwölf, die als Fundament der Kirche dienten.
Die Zwölf Jünger: Namen und ihre Rolle
Im Matthäusevangelium (10,2-4) finden wir die Liste der zwölf Männer, die Jesus speziell auswählte und als Apostel aussandte:
- Simon (der auch Petrus genannt wird)
- Andreas (sein Bruder)
- Jakobus (der Sohn des Zebedäus)
- Johannes (sein Bruder)
- Philippus
- Bartholomäus
- Thomas
- Matthäus (der Zöllner)
- Jakobus (der Sohn des Alphäus)
- Thaddäus
- Simon (der Zelot)
- Judas Iskariot (der ihn später verriet)
Diese Gruppe war bemerkenswert divers: von einfachen Fischern über einen verhassten Zöllner bis hin zu einem Zeloten, der eine politische Befreiung von den Römern anstrebte. Doch Jesus brachte sie alle zusammen, um eine neue Gemeinschaft zu bilden. Ihre Aufgabe war es, Jesus auf seinen Reisen zu begleiten, seine Lehren zu verinnerlichen und Zeugen seiner Taten zu sein. Später erhielten sie die Vollmacht, selbst zu predigen, Kranke zu heilen und Dämonen auszutreiben, was die Früchte ihrer Ausbildung und die Macht, die Jesus ihnen verlieh, demonstrierte.
Vom Erkennen zur Nachfolge: Eine lebensverändernde Entscheidung
Die Erkenntnis, wer Jesus wirklich ist, ist der Dreh- und Angelpunkt der Jüngerschaft. Für Andreas und Simon Petrus war es die Gewissheit, den Messias gefunden zu haben. Für Petrus war es später die tiefe Überzeugung, die er mit den Worten ausdrückte: „Herr, zu wem sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens. Wir sind zum Glauben gekommen und haben erkannt: Du bist der Heilige Gottes“ (Joh 6,68-69). Diese Erkenntnis ist nicht bloß intellektuell; sie ist eine Offenbarung, die Gott selbst schenkt und die das Herz und den Willen ergreift.
Wenn wir Jesus als den Sohn Gottes und den Erlöser der Menschheit erkennen, gibt es keinen anderen Weg mehr, der wahrhaft erfüllend wäre. Die Freiheit, die Gott uns als vernunftbegabten Geschöpfen gegeben hat, entfaltet sich dann am besten, wenn wir uns bewusst dafür entscheiden, der erkannten Wahrheit zu folgen. Dies ist der Moment, in dem wir unsere wahre Würde als Mensch erfahren: die Fähigkeit, die Wahrheit zu erkennen und uns in ihren Dienst zu stellen. Die Jünger taten dies, und obwohl sie Schwächen und Versuchungen erlebten – wie die Verleugnung des Petrus, dem Jesus den Namen Fels (Kephas) gab, um seine zukünftige Rolle zu betonen –, blieben sie dem Herrn treu, bis in den Tod.
Die Herausforderungen der Jüngerschaft: Verrat und Treue
Die Jüngerschaft ist kein Weg ohne Prüfungen. Die Geschichte von Judas Iskariot, der Jesus verriet, ist eine immerwährende Mahnung. Selbst jemand, der Jesus so nahe stand, konnte vom Weg abfallen, wenn die Wachsamkeit und die Herzenshingabe fehlten. Dieser tragische Fall zeigt, dass die freie Entscheidung des Menschen auch nach einer tiefen Erkenntnis Jesu dazu führen kann, sich von Gott abzuwenden. Es ist eine ernste Warnung vor der Gefahr der Untreue, selbst im Angesicht der Wahrheit. Dies kann man auch im schrecklichen Fall Luzifers sehen, der als einer der höchsten Engel zu Gottes Widersacher wurde und nun versucht, Menschen vom Weg mit Gott abzubringen (vgl. Offenbarung 12,17).
Doch im Gegensatz dazu steht die Treue der anderen Jünger, die trotz ihrer menschlichen Schwächen und Fehler – wie der Verleugnung des Petrus – letztlich zu Säulen des Glaubens wurden. Jesus selbst hat sie in ihrer Schwachheit gestärkt und wieder aufgerichtet. Dies zeigt, dass Jüngerschaft nicht Perfektion erfordert, sondern eine Haltung der Umkehr, des Vertrauens und der ständigen Ausrichtung auf den Herrn.

Jesus wählt uns: Die göttliche Initiative
Ein entscheidender Satz für jede Jüngerschaft findet sich in Johannes 15,16: „Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt und dazu bestimmt, daß ihr euch aufmacht und Frucht bringt und daß eure Frucht bleibt.“ Dieser Vers offenbart die göttliche Initiative in der Berufung. Es ist nicht unsere Leistung oder unser Verdienst, der uns zu Jüngern macht, sondern die freie Wahl Jesu. Er ruft, er erwählt, und er gibt die Aufgaben, die für sein Reich vorgesehen sind. Dies nimmt uns den Druck, perfekt sein zu müssen, und legt den Fokus auf die Gnade und den Plan Gottes.
Wenn wir auf unserem Weg der Nachfolge ermüden, in Versuchung geraten oder an unseren Schwächen leiden, können wir uns an diese Wahrheit erinnern. Jesus, der uns erwählt hat, befähigt uns auch durch seine Gnade, seinem Ruf zu folgen und treu zu bleiben. Wir brauchen nicht über den Grund seiner Wahl nachzusinnen, denn es ist seine Wahl. Was wir tun sollen, ist, auf seine Weisungen zu achten, sein Wort in uns wohnen zu lassen und ihm in allem zu folgen, was er uns für unser Heil und zur Fruchtbarkeit für sein Reich anbietet.
Jüngerschaft heute: Der Weg der Treue und Fruchtbarkeit
Die Prinzipien der Jüngerschaft, wie sie in den Evangelien beschrieben werden, sind zeitlos und relevant für jeden Christen heute. Es gibt auch heute Gläubige, die sehr eng mit Jesus leben und alles lernen und umsetzen wollen, was er uns zu sagen hat. Und es gibt andere, die zwar mit Jesus leben, aber nicht wirklich das tun, was er ihnen sagt. Das Leben als Christ entfaltet seine wahre Freude und seinen tiefsten Sinn erst dann, wenn wir Jesus mit allem nachfolgen, was in uns ist und uns ausmacht.
Gott möchte, dass jeder Mensch Jesus nachfolgt und so lebt, wie es gut ist. Das bedeutet, den Blick fest auf den Herrn zu richten, besonders in Zeiten der Anfechtung oder des Zweifels. Es bedeutet, seine Lehren zu studieren, im Gebet mit ihm zu kommunizieren und seinen Geist wirken zu lassen, um in unserem Leben Frucht zu tragen – Frucht der Liebe, der Freude, des Friedens und des Dienstes an anderen. So können wir mit Petrus sagen: „Zu wem sollen wir auch gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens.“ Und mit Johannes: „Seht, das Lamm Gottes!“ Und mit Andreas: „Wir haben den Messias gefunden!“ Die Nachfolge Jesu ist der Weg zu einem erfüllten Leben, zur wahren Erkenntnis und zur ewigen Bestimmung.
Vergleichstabelle: Die Berufung der ersten Jünger in den Evangelien
| Evangelium | Berufene Personen | Kontext / Handlung | Jesu Ruf / Frage | Reaktion |
|---|---|---|---|---|
| Markus 1,16-20 | Simon & Andreas, Jakobus & Johannes | Fischer beim Netze auswerfen/richten am See | „Kommt her, folgt mir nach! Ich werde euch zu Menschenfischern machen.“ | Ließen sofort Netze/Vater/Tagelöhner zurück, folgten ihm. |
| Matthäus 4,18-22 | Simon (Petrus) & Andreas, Jakobus & Johannes | Fischer beim Netze auswerfen/richten am See | „Kommt her, folgt mir nach! Ich werde euch zu Menschenfischern machen.“ | Ließen sofort Netze/Vater/Boot zurück, folgten ihm. |
| Lukas 5,1-11 | Simon (Petrus), Jakobus & Johannes | Wundersamer Fischfang nach erfolgloser Nacht | „Fürchte dich nicht! Von jetzt an wirst du Menschen fangen.“ | Brachten Boote an Land, verließen alles und folgten Jesus. |
| Johannes 1,35-51 | Andreas (bringt Simon Petrus), Philippus (bringt Nathanael) | Hören Johannes den Täufer auf Jesus hinweisen; persönliche Begegnung | „Was sucht ihr?“ / „Kommt und seht!“ / „Folge mir nach!“ | Folgten Jesus, blieben bei ihm, erkannten den Messias und brachten andere zu ihm. |
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Wie viele Jünger hatte Jesus?
Jesus hatte einen engeren Kreis von zwölf ausgewählten Männern, die als seine Apostel bekannt sind und eine besondere Mission erhielten. Darüber hinaus gab es eine größere, ständig wechselnde Zahl weiterer Nachfolger und Gläubiger, die ihm zu verschiedenen Zeiten folgten und von ihm lernten. Die Evangelien berichten auch von 70 oder 72 Jüngern, die Jesus aussandte (Lukas 10,1).
Was ist der Unterschied zwischen einem Jünger und einem Apostel?
Ein Jünger ist ein Lernender, ein Schüler, der seinem Lehrer folgt, um von ihm unterrichtet zu werden und seine Lebensweise anzunehmen. Ein Apostel ist ein „Gesandter“ oder „Bote“, der von Jesus mit einer spezifischen Autorität und Mission ausgestattet wurde, um seine Botschaft zu verkünden und sein Reich auszubreiten. Alle Apostel waren zuerst Jünger, aber nicht alle Jünger wurden zu Aposteln im Sinne der Zwölf oder anderer speziell Beauftragter wie Paulus.
Warum wählte Jesus gerade diese zwölf Männer aus?
Die Wahl der Zwölf hatte eine tiefe symbolische Bedeutung, die an die zwölf Stämme Israels erinnert und die Gründung eines „neuen Israel“ oder der Kirche durch Jesus andeutet. Sie sollten die grundlegenden Säulen seiner neuen Gemeinschaft sein. Ihre Vielfalt – von Fischern über einen Zöllner bis zu einem Zeloten – zeigt, dass Jesus Menschen aus allen Schichten und mit unterschiedlichen Hintergründen beruft. Der wichtigste Grund ist jedoch, dass Jesus sie erwählt hat, um mit ihm zu sein, von ihm zu lernen und dann als seine bevollmächtigten Zeugen in die Welt gesandt zu werden.
Was bedeutet es, ein Jünger Jesu zu sein?
Ein Jünger Jesu zu sein bedeutet, eine persönliche Beziehung zu ihm zu pflegen, seine Lehren zu studieren und zu versuchen, sie im eigenen Leben umzusetzen. Es beinhaltet die Bereitschaft, Jesus in allem nachzufolgen, auch wenn es Opfer erfordert oder schwierig wird. Das Ziel ist es, in seinem Charakter zu wachsen, ihm ähnlicher zu werden und „Frucht zu bringen“ für Gottes Reich, d.h., durch das eigene Leben Liebe, Gerechtigkeit und das Evangelium in die Welt zu tragen.
Können wir heute noch Jünger Jesu werden?
Ja, absolut! Die Einladung Jesu zur Nachfolge ist zeitlos und gilt für jeden Menschen in jeder Generation. Sie beginnt mit der persönlichen Erkenntnis und Annahme Jesu als Herrn und Erlöser. Es ist eine lebenslange Reise des Lernens, des Wachstums und der Hingabe, die uns durch die Gnade Gottes befähigt, ihm in unserem Alltag zu folgen und seine Botschaft weiterzugeben. Jesus ruft auch heute noch: „Kommt und seht!“
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